Eine humorvolle Kurzgeschichte über vier innere Jahreszeiten, einen überforderten Esstisch und die Frage, welche Version von uns eigentlich unseren Kalender bestimmen darf.
Die Einladung war aus einer Stimmung heraus entstanden, in der Menschen normalerweise entweder ihr Wohnzimmer umstellen, sich spontan die Haare schneiden oder beschließen, ab Montag ein vollkommen neues Leben zu führen. Ich hatte mich für ein Abendessen entschieden. Nicht mit Freunden, nicht mit meiner Familie und auch nicht mit irgendeinem Mann, bei dem ich vorher drei Stunden darüber nachdenken musste, ob meine Nachricht mit einem Punkt zu kühl und ohne Punkt zu interessiert wirkte.
Ich wollte meine vier Versionen einladen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Alle an einen Tisch. Einen Abend lang sollten sie mir erklären, warum jede von ihnen überzeugt war, mein Leben besser führen zu können als die anderen. Rückblickend hätte ich wissen müssen, dass vier verschiedene Versionen derselben Frau nicht einfach gemeinsam Nudeln essen, ein wenig über ihre Gefühle sprechen und anschließend friedlich nach Hause gehen.
Lieber hören statt lesen?
Du kannst diese Kurzgeschichte hier vollständig und kostenfrei weiterlesen. Wenn du Geschichten jedoch lieber unterwegs, beim Aufräumen oder mit geschlossenen Augen hörst, kannst du dir die Buchstaben sparen und dir das Abendessen mit meinen vier ziemlich meinungsstarken Versionen von mir erzählen lassen.
Die persönlich von mir eingesprochene Audiofassung bekommst du für 1,99 Euro. Kopfhörer rein, zurücklehnen und herausfinden, warum mein Frühling neue Möbel plant, der Sommer gefühlt von Nichts eine Ahnung hat, der Herbst bereits an der Haustür zweifelt und natürlich Winter sicherheitshalber ihre eigene Decke mitbringt.
Eine Einladung mit unerwartet vielen Rückfragen
Ich schrieb vier Einladungskarten. Das erschien mir persönlicher als eine gemeinsame Nachricht, die vermutlich bereits nach sieben Minuten in einer Diskussion darüber geendet hätte, wer den Termin wieder einmal zu kurzfristig angesetzt hatte. Auf jede Karte schrieb ich: „Liebe Version von mir, ich lade dich am Freitag um 19 Uhr zum Abendessen ein. Es gibt Pasta, ein offenes Gespräch und keine Möglichkeit, vorher meinen Kalender umzuschreiben. Bitte bring nur dich selbst mit.“
Frühling antwortete sofort. Sie freue sich wahnsinnig, habe schon drei Gesprächsideen und könne auf dem Weg noch Blumen besorgen. Außerdem fragte sie, ob wir nicht direkt ein regelmäßiges monatliches Treffen daraus machen wollten. Sie habe dafür bereits eine kleine Übersicht erstellt. Sommer schickte drei Flammen, ein Herz und die Nachricht: „Bin dabei. Ziehen wir danach noch los?“ Herbst wollte wissen, wer noch komme, was genau besprochen werde und ob es einen nachvollziehbaren Grund gebe, ausgerechnet Freitagabend dafür zu verwenden.
Winter antwortete erst am nächsten Morgen. Ihre gesamte Nachricht bestand aus den beiden Wörtern: „Muss ich?“ Ich schrieb zurück, dass niemand müsse. Darauf antwortete sie: „Gut. Dann komme ich vielleicht.“ Damit waren die Rollen verteilt, bevor überhaupt jemand mein Wohnzimmer betreten hatte. Am Freitag deckte ich den Tisch für fünf Personen: vier Versionen von mir und jene überforderte Gastgeberin, die ernsthaft glaubte, an diesem Abend neutral bleiben zu können.
Ich stellte vier bunte Teller hin, faltete Servietten und zündete eine Kerze an. Dann löschte ich sie wieder, weil Sommer vermutlich behaupten würde, das Licht sei zu langweilig, während Winter fragen würde, warum man funktionierende Elektrizität durch offenes Feuer ersetzte. Um 18:42 Uhr klingelte es. Natürlich war es Frühling.
Frühling kam zu früh – selbstverständlich
Sie stand vor meiner Tür, trug einen hellgrünen Mantel und hielt nicht nur einen Blumenstrauß, sondern auch ein neues Notizbuch in der Hand. „Ich dachte, wir könnten unsere Erkenntnisse gleich festhalten“, sagte sie und lief an mir vorbei, bevor ich sie überhaupt hereingebeten hatte. Dann sah sie sich um und erklärte, dass meine Wohnung unglaublich viel Potenzial habe. Ob ich schon einmal darüber nachgedacht hätte, den Tisch ans Fenster zu stellen?
Ich verneinte. Sie erklärte, dass sie bereits darüber nachgedacht habe, stellte die Blumen in eine Vase, die ich seit zwei Jahren nicht mehr benutzt hatte und öffnete das Fenster. Die Luft müsse sich bewegen, sagte sie. Anschließend entdeckte sie die leere Ecke neben dem Bücherregal und schlug vor, dort einen kleinen Schreibtisch aufzustellen. Als ich darauf hinwies, dass ich bereits einen Schreibtisch besaß, erklärte sie: „Aber an dem arbeitest du ja nur. An diesem könntest du Ideen entwickeln.“
Ich wollte gerade fragen, ob Ideen inzwischen eigene Möbel brauchten, als es erneut klingelte. Sommer kam zwanzig Minuten zu früh, nannte es aber pünktlich, weil sie vor der Tür noch ein Telefongespräch beendet hatte. Sie trug Goldschmuck, eine Sonnenbrille im Haar und ein Kleid, das zweifellos aus meinem Kleiderschrank stammte, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, mich darin jemals so selbstverständlich bewegt zu haben.
„Oh, schön hier“, sagte sie und küsste mich auf beide Wangen. „Ein bisschen ruhig, aber das ändern wir.“ Dann entdeckte sie Frühling, breitete die Arme aus und rief: „Du siehst fantastisch aus!“ Frühling erwiderte dasselbe. Innerhalb weniger Sekunden sprachen beide gleichzeitig. Frühling erzählte von ihren neuen Plänen, Sommer von den Menschen, die sie am vergangenen Wochenende kennengelernt hatte. Keine hörte der anderen wirklich zu, aber beide wirkten vollkommen zufrieden mit dem Gespräch.
Herbst zweifelte schon vor der Haustür
Um 19:08 Uhr klingelte Herbst. Sie entschuldigte sich nicht für die Verspätung. Stattdessen erklärte sie, dass sie acht Minuten vor dem Haus gestanden und überlegt habe, ob sie wirklich klingeln wolle. Auf meine Frage, zu welchem Ergebnis sie gekommen sei, antwortete sie: „Ich bin noch nicht sicher.“ Sie trug einen dunklen Mantel, hielt eine Flasche Rotwein in der Hand und musterte die Blumen, die Frühling auf den Tisch gestellt hatte.
„Die werden spätestens Dienstag die Köpfe hängen lassen“, stellte sie fest. Frühling sah sie empört an und sagte: „Bis dahin waren sie schön.“ Herbst nannte das eine bemerkenswert optimistische Beschreibung des Verwelkens. Sommer wollte wissen, warum wir bereits über Dienstag redeten, obwohl Freitagabend war. Ich wollte wissen, wo Winter blieb.
Um 19:25 Uhr erhielt ich eine Nachricht: „Stehe unten. Habe keine Energie zu klingeln.“ Also ging ich hinunter. Winter saß auf der untersten Treppenstufe, eingewickelt in einen viel zu großen Pullover. Unter einem Arm klemmte eine Decke, unter dem anderen eine Packung Kekse. Als ich sie daran erinnerte, dass es oben Essen gab, erklärte sie, die Kekse seien emotionaler Notfallproviant.
„Wofür?“, fragte ich. Sie blickte die Treppe hinauf, als lägen zwischen ihr und meiner Wohnung mehrere Gebirgsketten. „Für das hier.“ Ich nahm ihr die Kekse ab, damit sie wenigstens beide Hände für den Aufstieg frei hatte. Winter verlangte sie umgehend zurück. Sie habe mich nicht um Unterstützung gebeten, sondern lediglich über ihre momentane Lage informiert. Wenige Minuten später saßen endlich alle an meinem Tisch.
Fünf Frauen, vier Meinungen und nur eine Portion Parmesan
Sommer setzte sich ungefragt an die Stirnseite. Frühling wollte neben ihr sitzen, Herbst wählte den Platz mit dem besten Blick auf die Tür und Winter nahm den Stuhl, auf dem sie sich am schnellsten mit ihrer Decke verbinden konnte. Ich stellte die Pastaschüssel in die Mitte. Bevor wir anfangen konnten, schlug Frühling eine Vorstellungsrunde vor. Herbst erinnerte sie daran, dass wir dieselbe Person seien. Winter erklärte, sie habe Hunger mitgebracht und Sommer hob ihr Glas mit den Worten: „Und ich den Wein.“
„Den habe ich mitgebracht“, sagte Herbst. Sommer sah darin keinen Widerspruch, schließlich habe sie ihn geöffnet. Ich setzte mich und erklärte den Grund des Treffens: „Ich habe das Gefühl, dass jede von euch ständig versucht, meinen Alltag zu übernehmen. Eine macht neue Pläne, eine sagt überall zu, eine hinterfragt anschließend sämtliche Entscheidungen und eine möchte alle Termine absagen und unter einer Decke verschwinden.“ Winter hob einen Finger und hielt fest, dass das Verschwinden unter einer Decke in vielen Situationen die vernünftigste oder gar einzige Möglichkeit sei.
Ich erklärte weiter, dass ich herausfinden wollte, welche von ihnen künftig meinen Kalender bestimmen dürfe. Für drei Sekunden war es vollkommen still. Dann begann der Wahlkampf. Frühling schlug ihr Notizbuch auf und präsentierte eine Liste: alte Verpflichtungen prüfen, Platz für Neues schaffen, einen Sprachkurs beginnen, das Wohnzimmer umgestalten, ein neues Projekt starten und jeden Mittwochmorgen eine kreative Stunde einplanen.
Winter fragte, wann wir bei diesem Programm schlafen sollten. Frühling schlug vor, früher aufzustehen. Winter legte ihre Gabel hin und erklärte, dass sie ihre mögliche Teilnahme an diesem Abend zurückziehe. Sommer übernahm und sagte, der Kalender brauche vor allem mehr Leben: Veranstaltungen, Reisen und spontane Treffen. Dieses ewige Planen bringe schließlich nichts, wenn wir am Ende nur zu Hause säßen und unsere farblich sortierten Termine bewunderten.
Als die Parmesanverteilung persönlich wurde
Herbst erinnerte Sommer daran, dass sie uns im vergangenen Monat für drei Veranstaltungen am selben Samstag zugesagt hatte und wir dadurch bei keiner davon wirklich anwesend gewesen waren. Sommer verteidigte sich damit, dass wir wenigstens Möglichkeiten gehabt hätten. „Möglichkeiten sind Termine, die noch keine Verantwortung übernommen haben“, erwiderte Herbst. Sommer verdrehte die Augen und bezeichnete sie als Montagmorgen in menschlicher Gestalt.
Ich griff nach dem Parmesan und stellte fest, dass die Schüssel leer war. Sommer hatte beinahe die gesamte Portion über ihrem Essen verteilt. Unverschämt oder? Sie erklärte, sie habe nicht gewusst, ob später noch genug da sei. Herbst sah darin ein perfektes Beispiel dafür, wie Sommer auch unsere Energie verteilte: alles sofort verbrauchen und darauf vertrauen, dass sich die Version von morgen irgendwie um die Folgen kümmern werde.
Frühling bat darum, lösungsorientiert zu bleiben. Herbst fragte, ob sie damit meinte, dass wir so lange reden sollten, bis wir wieder etwas Neues anfingen. Frühling entgegnete, dass sie wenigstens etwas anfange. Herbst erklärte, dass sie wenigstens merke, wenn etwas keinen Sinn mehr ergebe. Winter nahm sich einen Keks und bemerkte, dass sie wenigstens Nachtisch mitgebracht habe.
Ich sah von einer zur anderen und verstand langsam, warum innere Ausgeglichenheit auf Bildern häufig mit geschlossenen Augen dargestellt wurde. Mit geöffneten Augen hätte man vermutlich den Raum verlassen. Trotzdem war keine von ihnen nur anstrengend. Frühling sah Möglichkeiten, Sommer traute sich in neue Räume, Herbst stellte notwendige Fragen und Winter erinnerte mich daran, dass mein Wert nicht stieg, nur weil ich noch eine Aufgabe in einen bereits vollen Tag presste.
Der Streit um den einzigen freien Dienstag
Ich holte meinen Kalender aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. Das war mein zweiter schwerwiegender Fehler an diesem Abend. Frühling griff zuerst danach und stellte erfreut fest, dass am Dienstag noch Platz sei. Ich erklärte, dass dort nicht „Platz“, sondern „frei“ stand. Sie sah mich an, als hätte ich ihr gerade erklärt, ein unbebautes Grundstück solle für immer eine Wiese für Unkraut, Landleben und Insekten bleiben.
Sommer zog den Kalender zu sich und wollte wissen, warum am Samstag nur „Geburtstag“ stand. Welcher Geburtstag? Was würden wir anziehen? Würden wir danach noch weitergehen? Winter erinnerte sie daran, dass wir nicht nach jeder Veranstaltung noch irgendwohin weitergehen müssten. Sommer hielt dagegen, dass Winter bereits während jeder Veranstaltung nach Hause wolle. „Dadurch spare ich Zeit“, antwortete Winter.
Herbst blätterte einige Seiten zurück und zeigte auf drei durchgestrichene Termine. Sie wollte wissen, warum diese abgesagt worden waren. Ich sagte, dass ich keine Kraft mehr gehabt hatte. Herbst fragte, ob das vielleicht daran lag, dass Sommer zugesagt hatte, obwohl Frühling am selben Vormittag ein neues Projekt beginnen wollte. Sommer hatte gewollt, dass wir etwas erlebten. Frühling hatte gewollt, dass wir uns weiterentwickelten. Herbst hatte verhindern wollen, dass wir uns dabei verloren.
Alle sahen zu Winter. Sie kaute ihren Keks zu Ende und sagte: „Ich wollte schlafen.“ Zum ersten Mal an diesem Abend lachten wir alle. Frühling verschluckte sich beinahe an einer Nudel, Sommer stieß gegen ihr Glas und Herbst versuchte zunächst, ernst zu bleiben, gab dann aber auf. Sogar Winter lächelte, obwohl sie behauptete, dafür eigentlich keine Energie eingeplant zu haben.
Vier neue Regeln für meinen Kalender
Vielleicht war genau das mein Problem: Jede von ihnen hatte auf ihre Art recht. Das machte die Entscheidung allerdings nicht leichter. Also erklärte ich, dass wir Regeln brauchten. Frühling öffnete sofort ihr Notizbuch und sagte, sie liebe Regeln, solange wir sie neu gestalten dürften. Herbst wies darauf hin, dass es sich dann vermutlich eher um Ideen handelte.
Die erste Regel lautete: Niemand sagt in meinem Namen zu, ohne die anderen zumindest kurz anzuhören. Sommer protestierte, dass Einladungen längst vorbei wären, wenn wir vor jeder Antwort erst eine innere Konferenz veranstalteten. Ich erklärte ihr den Satz: „Ich prüfe es und melde mich.“ Sie verzog das Gesicht, als hätte ich ihr vorgeschlagen, auf einer Party um 21 Uhr freiwillig die Musik leiser zu drehen.
Die zweite Regel lautete: Frei bleibt frei, wenn ich diese freie Zeit brauche. Frühling schrieb das mit der sichtbar schweren Hand einer Person auf, die gerade eine politische Niederlage dokumentierte. Herbst ergänzte die dritte Regel: Nur weil sich etwas plötzlich falsch anfühlt, muss es nicht sofort beendet werden. Es darf aber überprüft werden.
Winter bestand auf Regel Nummer vier: Entscheidungen nach 22 Uhr sind ungültig. Sommer wollte wissen, ob das auch für Onlinekäufe gelte. „Besonders für Onlinekäufe“, antwortete Winter. Sommer bezeichnete das als autoritär, Winter als Kontostandschutz. Ich schrieb die Regeln auf eine Serviette, weil Frühling ihr neues Notizbuch nicht aus der Hand geben wollte. Danach sahen wir erneut auf den Kalender. Dieses Mal versuchte niemand, ihn sofort an sich zu reißen.
Keine meiner vier Versionen bekam den Chefposten
Sommer wollte schließlich wissen, wer gewonnen habe. „Niemand“, antwortete ich. Sie war entsetzt. Dann sei das hier ein Meeting ohne Entscheidung gewesen. Ich erklärte, dass die Entscheidung darin bestand, keiner von ihnen die alleinige Kontrolle über meinen Kalender zu geben. Frühling fand, dass trotzdem jemand die Richtung vorgeben müsse. Vielleicht, sagte ich, müsse das nur nicht immer dieselbe Version von mir sein.
Frühling durfte weiterhin Ideen sammeln, aber nicht jede davon sofort zu einem neuen Projekt machen. Sie wollte wenigstens eine Liste führen. Ich erlaubte ihr genau eine. Als sie fragte, ob ich damit eine Liste pro Lebensbereich meinte, verneinte ich. Sie schrieb sich etwas auf, das verdächtig nach „Verhandlungen zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufnehmen“ aussah.
Sommer durfte uns weiterhin nach draußen bringen, neue Menschen kennenlernen und spontane Möglichkeiten wahrnehmen. Sie durfte allerdings nicht mehr unsere komplette Woche verplanen, nur weil sich ein Angebot in diesem Moment gut anhörte. Spontanität war weiterhin erlaubt, aber keine Ausrede mehr dafür, die Konsequenzen an Winter abzugeben. Winter hob ihr Glas und sagte: „Endlich spricht es jemand aus.“
Herbst durfte prüfen, was noch zu uns passte, aber nicht aus jedem unangenehmen Gefühl sofort eine endgültige Wahrheit bauen. Wenn etwas wirklich nicht mehr stimmte, durfte sie es klar ansprechen, ohne gleich das gesamte Leben als Beweismaterial einzureichen. Winter durfte Termine absagen, früher nach Hause gehen und Pausen verteidigen. Sie durfte nur nicht mehr so tun, als wäre jede Außenwelt automatisch zu viel. „Ich verspreche nichts“, sagte sie. Das hätte mich auch überrascht.
Ein Abend, an dem niemand gewinnen musste
Wir saßen eine Weile schweigend am Tisch. Die Pasta war kalt geworden, die Blumen standen schief in der Vase und auf der Tischdecke befand sich ein Rotweinfleck, den Herbst als vorhersehbare Folge einer mangelhaften Glasplatzierung bezeichnete. Es war kein perfekter Abend. Aber er war erstaunlich friedlich geworden, seit niemand mehr gewinnen musste.
Frühling fragte, ob sie das nächste Treffen organisieren dürfe. Sommer wollte daraus einen Brunch mit anschließendem Ausflug machen. Herbst bestand darauf, zunächst zu klären, ob ein weiteres Treffen überhaupt notwendig sei. Winter fragte, ob sie sich beim nächsten Mal per Audio zuschalten könne. Ich sagte, dass wir darüber nachdenken würden. Es war die erste Antwort des Abends, mit der alle vier leben konnten.
Frühling ging zuerst. Sie nahm die leeren Flaschen mit und hinterließ mir eine Liste mit fünf Ideen für die kommende Woche. Sommer blieb noch im Türrahmen stehen und fragte, ob ich wirklich nicht mitkommen wolle. Irgendwo sei bestimmt noch etwas los. Herbst zog ihren Mantel an und sagte: „Der Abend war besser als erwartet.“ Bei ihr entsprach das ungefähr einer begeisterten Fünf-Sterne-Bewertung.
Winter war die Letzte. Nicht, weil sie noch reden wollte, sondern weil sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Ich deckte sie mit ihrer mitgebrachten Decke zu und räumte den Tisch allein ab. Seltsamerweise störte mich das nicht. Vielleicht weil ich wusste, dass ich an diesem Abend nicht vier Gäste bewirtet hatte. Ich hatte vier Teile von mir endlich einmal ausreden lassen.
Der Morgen danach
Am nächsten Morgen fand ich die Serviette mit unseren Regeln unter dem Tisch. Daneben lag ein einzelner Keks und Frühlings Notiz, dass man aus der Serviette vielleicht ein kleines Poster gestalten könnte. Ich nahm meinen Kalender und setzte mich ans Fenster. Dort stand noch immer kein zweiter Schreibtisch, obwohl Frühling die leere Ecke beim Abschied noch einmal auffällig lange betrachtet hatte.
Ich strich keinen Termin und fügte auch keinen neuen hinzu. Ich sah mir lediglich die kommende Woche an und fragte mich, welche Version von mir bei den einzelnen Plänen vermutlich auftauchen würde. Nicht, um meine Stimmung vorherzusagen oder alles zu kontrollieren. Ich wollte nur aufhören, Vereinbarungen für eine Version von mir zu treffen und anschließend von einer anderen zu verlangen, sie ohne Widerspruch einzuhalten.
Vielleicht brauchte ich keinen Kalender, der ausschließlich von einer besonders produktiven, mutigen, vernünftigen oder ausgeruhten Frau geführt wurde. Vielleicht brauchte ich einen Kalender, in dem mehrere Versionen von mir vorkommen durften. Einen, der neue Ideen nicht sofort in Verpflichtungen verwandelte, Vorfreude zuließ, Zweifel ernst nahm und Erholung nicht erst dann genehmigte, wenn wirklich gar nichts mehr ging.
Ich ließ den Dienstag frei. Frühling nannte es später verschwendetes Potenzial. Sommer fragte, ob wir dann wenigstens spontan etwas machen könnten. Herbst fand die Entscheidung überraschend vernünftig. Winter sagte nichts. Sie schlief noch.
Und was bekommen vier Zyklusphasen zum Abendessen?
Nachdem Frühling, Sommer, Herbst und Winter ihre Meinung zu meinem Leben, meinem Kalender und der Parmesanverteilung abgegeben hatten, blieb eine entscheidende Frage offen: Was würde ich ihnen beim nächsten Mal eigentlich servieren?
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Häufige Fragen zur Kurzgeschichte
Wofür stehen die vier Frauen in der Geschichte?
Sie stehen für unterschiedliche Energien, Bedürfnisse und Arten, auf das Leben zu reagieren. Frühling möchte anfangen, Sommer erleben, Herbst prüfen und Winter sich zurückziehen. Die Figuren sind bewusst überspitzt. Keine Frau muss sich während einer bestimmten Zyklusphase genau so fühlen oder verhalten.
Muss ich mich eindeutig in einer der vier Versionen wiedererkennen?
Nein. Wahrscheinlich erkennst du dich zu unterschiedlichen Zeitpunkten in mehreren Figuren wieder. Vielleicht planst du wie Frühling, sagst spontan wie Sommer zu, hinterfragst später wie Herbst alles und möchtest am Ende wie Winter nur noch mit einer Decke auf das Sofa. Genau diese Widersprüche gehören zur Geschichte.
Ist die Geschichte nur für Frauen geeignet, die ihren Zyklus genau beobachten?
Nein. Die Kurzgeschichte funktioniert auch unabhängig von Zykluswissen. Viele Menschen kennen unterschiedliche Versionen von sich: die motivierte, die spontane, die kritische und die erschöpfte. Der Zyklus und die inneren Jahreszeiten bilden den erzählerischen Rahmen, sind aber keine Voraussetzung dafür, sich darin wiederzuerkennen.
Welche Version von mir sollte ich selbst einmal zum Abendessen einladen?
Vielleicht gerade diejenige, die du am häufigsten wegdrückst. Das kann die erschöpfte Version sein, aber ebenso die mutige, spontane oder kritische. Frag sie nicht sofort, wie du sie verändern kannst. Frag sie erst einmal, was sie dir schon länger sagen möchte – und gib ihr wenigstens etwas vom Parmesan ab.
Fazit: Ich muss nicht jeden Tag dieselbe Frau sein
Keine meiner vier Versionen bekam an diesem Abend die alleinige Kontrolle über mein Leben. Das war vermutlich die vernünftigste Entscheidung, die fünf Versionen von mir gemeinsam treffen konnten. Ich brauche die Frau, die neue Möglichkeiten sieht. Ich brauche die, die etwas wagt. Ich brauche die, die genauer hinschaut. Und ich brauche ganz eindeutig die, die gelegentlich mit Keksen und einer Decke vor meiner Tür sitzt.
Vielleicht besteht gute Planung nicht darin, jeden Tag dieselbe Leistung von uns zu erwarten. Vielleicht bedeutet sie, nicht mehr so überrascht zu tun, wenn die Frau, die einen Termin wahrnehmen soll, nicht dieselbe Stimmung und Energie mitbringt wie die Frau, die ihn drei Wochen vorher begeistert eingetragen hat.
Und falls du irgendwann ebenfalls alle deine Versionen zum Abendessen einlädst, gib ihnen keine uneingeschränkte Kontrolle über deinen Kalender. Und kauf mehr Parmesan.
Maria Schwallmann
Bloggerin bei „Zyklus im Koffer“, Hypnose-Coach und überzeugt davon, dass nicht immer dieselbe Version von uns das ganze Leben organisieren muss.
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