Ich saß bei ungefähr 35 Grad im Schatten und telefonierte mit meiner Cousine. Es war einer dieser Sommertage, an denen selbst Nichtstun anstrengend wird und man das Gefühl hat, die Luft hätte beschlossen, einfach stehen zu bleiben. Wir redeten über dies und das, bis sie irgendwann ganz selbstverständlich sagte: „Ich habe gerade meine Erdbeerwoche.“
Das Gespräch ging weiter. Aber mein Kopf blieb an diesem Wort hängen. Bei 35 Grad dachte ich bei Erdbeeren eigentlich an kalten Kuchen, Eis oder eine Schale Obst, die man besser nicht zu lange in der Sonne stehen lässt. Nicht an eine Blutung, Periodenprodukte und die Frage, ob man heute noch eine helle Hose riskieren möchte. Trotzdem wusste ich sofort, was sie meinte. Wahrscheinlich hätte fast jede Frau gewusst, was sie meinte.
Und genau das fand ich plötzlich seltsam. Wir benutzen ein Wort, das klingt, als hätte jemand eine Ferienwoche auf einem Obsthof gebucht, um über etwas zu sprechen, das wir genauso gut Periode nennen könnten. Wer hat das eigentlich angefangen? Gab es irgendwann eine Frau, die fand, Menstruation brauche dringend einen fruchtigeren Namen? War es Werbung, Jugendsprache oder ist „Erdbeerwoche“ einfach entstanden, weil wir früh gelernt haben, über unsere Periode zu sprechen, ohne das Wort Periode allzu deutlich auszusprechen?
Aus einem beiläufigen Satz meiner Cousine wurde deshalb eine kleine Spurensuche. Nicht nur nach dem Ursprung eines ziemlich merkwürdigen Wortes, sondern auch nach der Frage, warum wir für eine normale Körperfunktion so viele Tarnnamen brauchen. Denn zwischen Erdbeerwoche, roter Tante und „meinen Tagen“ liegt mehr als ein paar Sprachwitze. Da liegt auch eine lange Geschichte aus Scham, Verstecken und dem Gefühl, dass eine Periode bitte stattfinden darf, solange niemand etwas davon bemerkt.
Kurz gesagtFür den Begriff „Erdbeerwoche“ gibt es nach meiner Recherche keinen zuverlässig belegten einzelnen Erfinder. Wahrscheinlich ist er als bildhafte, beschönigende Umschreibung entstanden: Erdbeeren sind rot, die Periode kommt wiederkehrend und schon war die sprachliche Obstabteilung eröffnet.
Du darfst deine Periode Erdbeerwoche nennen, wenn sich das für dich gut anfühlt. Du darfst aber genauso deutlich sagen: Ich habe meine Periode. Das eine ist Humor. Das andere ist kein Geständnis.
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Wer hat die Erdbeerwoche nun erfunden?
Ehrlich gesagt hatte ich auf eine wunderbar absurde Ursprungsgeschichte gehofft. Vielleicht auf eine Erdbeerbäuerin, die beim Pflücken ihre Periode bekam und dachte: So, das benennen wir jetzt nach meinem Arbeitstag. Aber die Sprache ist meistens weniger erfinderisch habe ich das Gefühl. Umgangssprachliche Begriffe entstehen, werden weitererzählt und verändern sich. Wer sie zuerst gesagt hat, lässt sich später oft nicht mehr feststellen.
Was sich belegen lässt: „Erdbeerwoche“ wird heute umgangssprachlich als Bezeichnung für die Zeit der Menstruation verwendet. Außerdem gibt es seit 2011 ein österreichisches Social Business namens „erdbeerwoche“, das über Menstruation aufklärt und nachhaltige Periodenprodukte thematisiert. Dieses Unternehmen hat den Ausdruck aber nicht nachweisbar erfunden, sondern einen bereits verständlichen Begriff als Namen aufgegriffen.
Was mich dabei noch überrascht hat: Laut der Presseinformation von erdbeerwoche ist der Begriff vor allem in Teilen Norddeutschlands umgangssprachlich gebräuchlich. Wer in Bayern oder Baden-Württemberg aufgewachsen ist, kannte das Wort möglicherweise gar nicht. Ein Begriff, der nicht einmal bundesweit einheitlich verwendet wird, wird trotzdem oft sofort verstanden, sobald man ihn hört. Das sagt eigentlich alles über eine Sprache, die funktioniert, bevor sie erklären muss, was sie meint.
Die wahrscheinlichste Erklärung bleibt deshalb für mich die einfachste: Erdbeeren sind rot, eine Periode dauert mehrere Tage und „Woche“ klingt runder als „mehrtägiger Zeitraum mit Blutung, möglichem Ziehen und einer überraschend emotionalen Reaktion auf einen leeren Kühlschrank“. Das glaubt mir keiner, aber manchmal gewinnt in der Sprache einfach das Bild, das man sich am leichtesten merken kann.
Warum nennen wir die Periode nicht einfach Periode?
Weil Sprache nicht nur Situationen und Dinge beschreibt. Sie verrät auch, worüber eine Gesellschaft entspannt sprechen kann und worüber lieber mit gesenkter Stimme. Euphemismen helfen uns, Themen anzusprechen, die als peinlich, unrein oder zu intim gelten. Genau deshalb gibt es für die Menstruation so viele Umschreibungen.
Wir sagen „meine Tage“, als hätten wir an den übrigen Tagen keinen Anspruch auf den Kalender. Die rote Tante kommt zu Besuch, obwohl niemand sie eingeladen hat. Manche surfen auf der roten Welle, bekommen Besuch von Tante Rosa oder erleben die Ketchupwoche. Gegen Humor habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil, da schließe ich mich gerne an, denn manchmal macht ein albernes Wort ein schwieriges Thema leichter erklärbar. Problematisch für mein Verständnis wird es erst, wenn das Codewort nicht spielerisch ist, sondern notwendig erscheint, weil „Periode“ angeblich zu deutlich, zu eklig oder zu privat klingt.
Dass das kein rein deutsches Phänomen ist, tröstet mich übrigens ein bisschen. Die Franzosen sagen les Anglais ont débarqué, also: Die Engländer sind gelandet. Im Englischen kommt Aunt Flo zu Besuch, wobei ich mir wirklich nicht vorstellen möchte, was Tante Flo getan hat, um sich diesen Ruf zu verdienen. Mein persönlicher Favorit aus der internationalen Euphemismus-Sammlung kommt aus dem Dänischen: Der er kommunister i lysthuset. Übersetzt bedeutet das ungefähr: Im Gartenpavillon sind Kommunisten. Das glaubt mir keiner, aber der Ausdruck taucht tatsächlich in Sammlungen von Perioden-Umschreibungen auf. Irgendwo hat also jemand entschieden, dass politische Ideologie eine passende Metapher für Menstruation ist. Und ich kann das nicht einmal widerlegen.
Bei meiner Cousine klang „Erdbeerwoche“ nicht beschämt. Sie sagte es so selbstverständlich, wie sie auch „Ich bin müde“ hätte sagen können. Vielleicht mochte sie das Wort einfach. Genau darin liegt für mich der Unterschied: Ein Codewort kann Humor und Nähe schaffen. Es kann aber auch zu einer sprachlichen Gardine werden, die wir zuziehen, damit bloß niemand zu genau sieht, was dahinter passiert.
Denn viele kennen auch die andere Szene: Ein Tampon verschwindet in der geschlossenen Faust, bevor man vom Klassenzimmer zur Toilette geht. Die Binde wird beim Einkaufen unter Shampoo und Zahnpasta gelegt. Bei Schmerzen heißt es vorsichtshalber nur „Bauchweh“, weil Periode zu persönlich klingt. Nicht jede Frau hat das erlebt. Aber dass Periodenprodukte noch immer mit Wörtern wie „diskret“ beworben werden, erzählt schon eine Geschichte. Die Periode darf stattfinden, nur möglichst leise, sauber verpackt und ohne Fleck auf einer hellen Hose.
Zwei Periodenmythen, die ich noch weniger verstehe
Mythos 1: Menstruation macht eine Frau unrein.
Dieser Gedanke hält sich in unterschiedlichen Formen erstaunlich hartnäckig. Menstruationsblut ist aber kein Beweis dafür, dass eine Frau schmutzig ist. Bei der Regelblutung wird Gebärmutterschleimhaut abgestoßen. Es handelt sich um einen normalen körperlichen Vorgang, nicht um eine monatliche moralische Störung. Trotzdem schwingen Vorstellungen von Unreinheit bis heute in Scham, Sprache und Werbung mit.
Mythos 2: Wer seine Periode hat, ist automatisch schwierig.
Eine Frau sagt klar, dass sie etwas stört. Jemand lächelt und fragt: „Hast du deine Tage?“ Und schon geht es nicht mehr um das, was sie gesagt hat, sondern um ihren Körper. Natürlich kann sich das Befinden im Zyklus verändern. Aber nicht jede Frau erlebt dasselbe, nicht jede Stimmung ist hormonell und eine berechtigte schlechte Laune wird nicht ungültig, nur weil zufällig eine Blutung im Kalender steht.
Ich erinnere mich an einen Moment bei der Arbeit, in dem ich deutlich gesagt habe, dass ich mit einer Entscheidung nicht einverstanden bin. Die Antwort kam schnell und freundlich: „Alles gut bei dir?“ Keine Auseinandersetzung mit meinem Argument. Nur diese Frage, mit diesem Lächeln. Ich hatte damals keine Periode. Das hat mich im Nachhinein fast noch mehr geärgert.
Vielleicht ist „Erdbeerwoche“ nur eines deiner FragezeichenWir haben viele Tarnnamen für die Periode gelernt, aber häufig erstaunlich wenig darüber, was während des gesamten Zyklus eigentlich passiert. Vielleicht fragst du dich nicht nur, wie du deine Blutung nennen möchtest, sondern auch, warum sich Energie, Bedürfnisse oder Körpergefühl im Laufe des Monats verändern können.
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Eine Periodenfrage, die ich jetzt selbst teste
Diese Spurensuche hat bei mir noch eine praktische Frage ausgelöst: Welche Periodenprodukte kenne ich eigentlich nur vom Namen, ohne sie je selbst ausprobiert zu haben? Für meinen nächste Menstruation möchte ich deshalb natürliche Menstruationsschwämme testen. Das Set enthält zwei Meeresschwämme, die ähnlich wie Tampons verwendet, ausgewaschen und erneut eingesetzt werden sollen.
Ich finde das Prinzip spannend, habe aber noch kein Urteil. Naturbelassen bedeutet nicht automatisch risikofrei. Bei Meeresschwämmen gibt es fachliche Bedenken wegen möglicher Rückstände, Keime, Infektionen und des seltenen, aber ernsten toxischen Schocksyndroms. Die US-amerikanische FDA behandelt sie zur Menstruationsnutzung als Produkte mit erheblichem Risiko, die dort eine vorherige Zulassung benötigen. Deshalb teste ich zunächst zu Hause, mit zusätzlichem Auslaufschutz und genau nach Anleitung. Was wirklich funktioniert, was umständlich ist und ob ich mich damit wohlfühle, gehört anschließend in einen eigenen Erfahrungsbericht – den Link findest du dann hier.
Hier findest du die Menstruationsschwämme, die ich für meinen Selbsttest ausgewählt habe.* Das ist ausdrücklich noch keine Kaufempfehlung, sondern ein transparenter Blick auf das Produkt, das ich ausprobieren werde. Ich bin gespannt, was ich so für Erfahrungen neben der Periodenunterwäsche damit mache.
Kurze Fragen zur Erdbeerwoche
- Wer hat den Begriff Erdbeerwoche erfunden?
Ein einzelner Erfinder ist nicht verlässlich belegt. Der Begriff scheint als umgangssprachliche, bildhafte Umschreibung für die Periode gewachsen zu sein. - Warum heißt die Periode Erdbeerwoche?
Wahrscheinlich wegen der roten Farbe und der mehrtägigen Dauer. Eine eindeutig dokumentierte Entstehungsgeschichte gibt es nach meiner Recherche nicht. - Ist Erdbeerwoche ein problematisches Wort?
Nicht automatisch. Wenn du es humorvoll und freiwillig verwendest, ist daran nichts falsch. Es sollte nur nicht nötig sein, weil du dich für das Wort Periode oder Menstruation schämst. - Warum gibt es so viele Namen für die Periode?
Solche Umschreibungen können humorvoll und verbindend sein. Gleichzeitig entstehen Euphemismen häufig rund um Themen, die als intim, peinlich oder gesellschaftlich tabu gelten.
Fazit: Du darfst Erdbeerwoche sagen, aber du musst dich nicht verstecken
Meine Spurensuche endet also ohne feierliche Enthüllung. Ich kann dir keinen Menschen präsentieren, der eines Morgens aufstand und offiziell die Erdbeerwoche erfand. Vielleicht passt genau das zu diesem Wort. Es gehört niemandem und wurde wahrscheinlich weitergetragen, weil es leichter klang als Menstruation.
Ich möchte dir die Erdbeerwoche trotzdem nicht im Sprachgebrauch verbieten. Sprache darf witzig, verspielt und persönlich sein. Ich möchte nur, dass wir die Wahl haben. Wir dürfen „Erdbeerwoche“ sagen und lachen. Wir dürfen aber auch „Periode“ sagen, ohne die Stimme zu senken, ein Periodenprodukt in der Hand zu verstecken oder uns vorsorglich für unseren Körper zu entschuldigen.
Vielleicht braucht die Periode keinen schöneren Tarnnamen. Vielleicht braucht sie weniger Scham, mehr Wissen und Frauen, die selbst entscheiden, wie sie darüber sprechen. Das glaubt mir keiner, aber ausgerechnet eine Erdbeere hat mich daran erinnert.
Quellen und weiterführende Hinweise
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- erdbeerwoche, österreichisches Social Business für Menstruationsaufklärung: „Presseinformation 2021“.
- Deutschlandfunk: „Menstruation: Kein Ende der Scham“.
- UNICEF Deutschland: „Menstruation: Vier Mythen und vier Fakten“.
- U.S. Food and Drug Administration (FDA): „CPG Sec. 345.300 Menstrual Sponges“.
- Clinical Microbiology Reviews: „Device-Associated Menstrual Toxic Shock Syndrome“.
- Clue, internationale Auswertung von Perioden-Umschreibungen: „Top euphemisms for period by language“.
- French Today: „Les Anglais ont débarqué“ als französische Umschreibung für die Periode.
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